Das MPIMG

Geschichte

Die Gründung des Max-Planck-Instituts für Molekulare Genetik

In den 1960er Jahren erkannten Gesellschaft und Staat das Potenzial der sich gerade entwickelnden Molekulargenetik. Daraufhin wurde 1964 das MPIMG gegründet. Zu den rersten Direktoren wurden Heinz-Günther Wittmann und Heinz Schuster ernannt, kurz darauf folgte die Bestellung von Thomas Trautner im Jahre 1965.

Die Anfänge – Ribosomen, Viren und Bakterien 

In den ersten Jahrzehnten konzentrierte sich die Forschung am MPIMG auf die DNA-Replikation und Genregulation bei Bakterien, Bakteriophagen und Pilzen (Abteilungen Schuster und Trautner) sowie auf die Struktur, Funktion und Evolution von Ribosomen (Abteilung Wittmann). Im Jahr 1971 zogen die drei Abteilungen und vier unabhängige Nachwuchsforschungsgruppen in das neue Gebäude in der Ihnestraße um, in dem sich das Institut bis heute befindet. 

Der Chemiker Heinz Schuster (1927–1997) beschäftigte sich seit Mitte der 1950er Jahre mit der Struktur, Funktion und Modifikation von Nukleinsäuren und richtete den Schwerpunkt seiner Abteilung auf die DNA-Regulation und -Replikation in Phagen. Zu den Höhepunkten seiner Forschung zählt die Entdeckung, dass mehrere Repressor-Bindungsstellen im Phagen P1 für dessen Aktivität notwendig sind – eines der frühesten Beispiele für kombinatorische Genregulation. Gemeinsam mit seinem Kollegen Martin Citron entdeckte er außerdem, dass es sich bei einem repressiven Faktor in Bakteriophagen tatsächlich um Antisense-RNA und nicht, wie zuvor angenommen, um ein Protein handelt. Dies war einer der ersten Berichte über eine nicht-kodierende RNA mit regulatorischer Funktion.

Heinz-Günther Wittmann gehörte zu den Pionieren der Ribosomenforschung. Seine Abteilung entwickelte eine Methode zur Trennung ribosomaler Proteine, was einen bedeutenden Fortschritt bei der Sequenzierung und Identifizierung dieser Proteine darstellte. In der Folge wurden praktisch alle r-Proteine in seiner Abteilung sequenziert. Wittmann und seine Kollegen waren zudem Vorreiter bei der Festlegung der Namenskonvention für ribosomale Proteine, die bis heute verwendet wird. Er holte Ada Yonath an das MPIMG, wo sie von 1979 bis 1984 als Gruppenleiterin tätig war. Gemeinsam erzielten sie bedeutende Fortschritte auf dem Weg zu Wittmanns langjährigem Ziel, die Struktur des Ribosoms aufzuklären. Einige Jahre nach Wittmanns Tod im Jahr 1990 gelang es, die ersten atomaren Strukturen von Ribosomen mittels Röntgenkristallografie zu ermitteln. Für ihre Beiträge zu dieser Errungenschaft erhielt Ada Yonath im Jahr 2009 den Nobelpreis. 

In den Anfängen der Abteilung von Thomas Trautner führten die Wissenschaftler*innen Transfektionsversuche durch, um das Phänomen der Genkonversion bei Phagen und Bakterien zu untersuchen. Dabei konnten sie wichtige Hinweise für die Entwicklung und den Einsatz moderner Plasmide als DNA-Klonierungsvektoren gewinnen. Später verlagerte sich seine Forschung auf das aufkommende Gebiet der Epigenetik – ein Thema, das bis heute in unserem Institut von großer Bedeutung ist. Insbesondere konzentrierte sich seine Abteilung auf die Struktur und Funktion von DNA-Methyltransferasen. Sein Labor gehörte zu den ersten, die berichteten, dass die Cytosin-DNA-Methylierung eine Rolle bei der Genregulation spielt. Thomas Trautner ging im Jahr 2000 in den Ruhestand und verstarb 2023 in Berlin. 

Die 1990er Jahre – hin zur Humangenetik

Nach der Pensionierung von Heinz Schuster im Jahr 1995 und dem frühen Tod von Heinz-Günther Wittmann führten die Berufungen von Hans Lehrach und Hans-Hilger Ropers im Jahr 1994 zu einer grundlegenden Neuausrichtung des Instituts. 

Hans Lehrach und seine Abteilung für Wirbeltiergenomik hatten sich zum Ziel gesetzt, die Struktur und Funktion des menschlichen Genoms sowie der Genome von Modellorganismen zu analysieren. Damit verlagerten sie den Schwerpunkt des Instituts auf die Humangenetik. Lehrach gehörte zu den Ersten, die sogenannte „Positionsklonierungs“-Experimente an Mäusen und Menschen initiierten. Seine Abteilung war Teil des Teams, das das für die Huntington-Krankheit verantwortliche Gen identifizierte. Die Lehrach-Abteilung war am Humangenomprojekt und anderen bedeutenden Genomsequenzierungsprojekten beteiligt. Darüber hinaus war Hans Lehrach an der Entwicklung von Schlüsseltechnologien wie Protein-Microarrays, Protein-Interaktom-Analysen, künstlichen Hefechromosomen und RNA-Sequencing beteiligt. Er trat 2014 in den Ruhestand.

Hans-Hilger Ropers, Arzt und zertifizierter klinischer Genetiker der ersten Generation, hegte seit langem ein Interesse an genetischen Erkrankungen. Seine Abteilung für menschliche Molekulargenetik konzentrierte sich auf die Aufklärung der Ätiologie und Pathogenese von Erbkrankheiten. Anfang der 1990er Jahre gehörte er zu den Ersten, die Strategien des Positionsklonierens einsetzten, um die molekularen Ursachen mendelscher Erkrankungen systematisch zu identifizieren. Er leistete Pionierarbeit beim Einsatz von SNP-Arrays für die groß angelegte Autozygositätskartierung in konsanguinen ARID-Familien. Ein weiterer Meilenstein seiner Forschung war die Einführung von Next-Generation-Sequencing-Verfahren (NGS) im Jahr 2007, die der molekularen Aufklärung von X-chromosomal und autosomal vererbten Erkrankungen eine neue Dimension verliehen. 2014 ging Lehrach in den Ruhestand.

Die 2000er Jahre – Entwicklungsgenetik, Bioinformatik und Genregulation

Im Jahr 2000 wurde Martin Vingron zum Leiter der neuen Abteilung für Computergestützte Molekularbiologie ernannt und schuf damit eine solide Grundlage für die Bioinformatik am Institut. Seine Abteilung entwickelt Methoden und arbeitet an Datenanalyseprojekten im Zusammenhang mit Transkriptionsfaktoren und epigenetisch basierter Genregulation. Die Gruppe analysiert Genomsequenzen, um die regulatorischen Auswirkungen von Mutationen zu identifizieren. Außerdem entwickelt sie Methoden zur Konstruktion biologischer Netzwerke und nutzt Statistik sowie maschinelles Lernen zur Analyse verschiedener Datensätze.

Im Jahr 2003 wurde Bernhard Herrmann zum Direktor und Leiter der Abteilung für Entwicklungsgenetik an der Charité – Universitätsmedizin Berlin ernannt. Der Schwerpunkt seiner emeritierten Gruppe liegt auf der Entwicklungsgenetik, insbesondere auf den Mechanismen, durch die Stammzellen verschiedene Zelllinien hervorbringen und sich zu funktionellen dreidimensionalen Strukturen und Organen organisieren. Weitere Forschungsschwerpunkte befassen sich mit den molekularen Grundlagen der sogenannten “transmission ratio distortion”– einem Phänomen der nicht-mendelschen Vererbung, das durch den t-Haplotyp der Maus verursacht wird.

Im Jahr 2000 wurde zudem Stefan Mundlos, Professor für Genetik an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, zum Leiter der eigenständigen Forschungsgruppe „Entwicklung und Krankheit“ am MPIMG ernannt. Seit 2017 ist er externes wissenschaftliches Mitglied des Instituts und der Max-Planck-Gesellschaft. Diese Positionen werden von herausragenden Forscher*innen mit enger Anbindung an ein MPI bekleidet, die das wissenschaftliche Netzwerk unseres Instituts stärken und Kooperationen fördern. Neben seinem langjährigen Interesse an der Erforschung der Ursachen seltener genetischer Erkrankungen untersucht Stefan Mundlos mit seinem Team anhand verschiedener Modellorganismen die grundlegenden Mechanismen der Genregulation, der 3D-Genomik und der weitreichenden Chromatin-Wechselwirkungen sowie die Funktion langer nicht-kodierender RNAs (lncRNAs).

Alexander Meissner wurde 2017 zum Direktor ernannt und stärkte damit die am MPIMG etablierte Tradition der Epigenetikforschung. Seine Abteilung nutzt Mäuse als Modelle, um die Genetik und Epigenetik der frühen Entwicklung zu untersuchen. Sein vielfältiges Team aus experimentellen und computergestützten Biolog*innen nutzt genomische Werkzeuge zur Erforschung von Entwicklung und Stammzellen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Rolle epigenetischer Modifikationen liegt. Das Team befasst sich mit einem breiten Spektrum an Fragestellungen – von der Steuerung der Organentwicklung durch genetische Programme bis hin zu den epigenetischen Programmen, die an der Entstehung von Krebs beteiligt sind.

Die Zukunft: Genetik verstehen und zum Wohle der Gesellschaft nutzen

Derzeit hat das Institut einen Prozess eingeleitet, um den wissenschaftlichen Schwerpunkt neu auszurichten. Unser Institus erforscht die Mechanismen der Genomfunktion und kombiniert diesen Ansastz mit Bioinformatik, Entwicklungs-, Populations- und Krankheitsbiologie. Insgesamt ist es unsere Mission, wissenschaftliche und technologische Durchbrüche voranzutreiben, die das Verständnis und die Nutzung der Genetik zum Wohle der Gesellschaft nachhaltig verändern werden. Zu diesem Zweck laufen derzeit umfangreiche Rekrutierungsbemühungen auf allen Ebenen und es werden zahlreiche dauerhafte Verbindungen innerhalb des größeren wissenschaftlichen Umfelds in Berlin und darüber hinaus geknüpft.

Im Jahr 2025 haben die Gruppenleiter Zack Smith, Sedona Murphy, Raquel Fueyo und Johannes Stein ihre Labore am MPIMG aufgebaut.

Ebenfalls im Jahre 2025 wurden Claudia Langenberg und Malte Spielmann als weitere externe wissenschaftliche Mitglieder der Max-Planck-Gesellschaft und des MPIMG gewählt.

Claudia Langenbergs Arbeit konzentriert sich auf die Integration genetischer, biologischer und Multi-Omics-Daten aus groß angelegten Bevölkerungs- und klinischen Studien, um die genetische Architektur des menschlichen Stoffwechsels und deren Auswirkungen auf Gesundheit und Krankheit zu charakterisieren. Ihre Arbeit hat maßgeblich dazu beigetragen, diese Daten in mechanistische Erkenntnisse für eine Reihe von Krankheiten umzusetzen. Derzeit ist sie Direktorin des „Precision Healthcare University Research Institute“ und Professorin für Medizin und Bevölkerungsgesundheit an der Queen Mary University of London. Darüber hinaus hat sie eine Professur für Computational Medicine in Berlin inne, wodurch sich unsere Verbindungen zum Berlin Institute of Health (BIH) weiter vertiefen.

Malte Spielmann ist ein international renommierter Wissenschaftler, der zuvor als Direktor des Instituts für Humangenetik am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck und Kiel tätig war. Er hat wegweisende Beiträge zum Verständnis der Rolle nicht-kodierender und struktureller Varianten bei menschlichen Erkrankungen geleistet. In seinem Labor wurden durch den Einsatz modernster Hochdurchsatztechnologien während der Embryonalentwicklung von Mäusen umfassende Erkenntnisse über die pleiotropen Effekte von Mutationen auf die Embryogenese und die dreidimensionale (3D) Architektur des Genoms gewonnen. Im Januar 2026 wechselte Malte Spielmann an die Charité in Berlin, wo er den Lehrstuhl für Medizinische und Humangenetik übernahm und seine Forschungsgruppe am MPIMG aufbaute.

Erfahren Sie mehr über unser Institut

Weitere Informationen über unsere Arbeit und Geschichte finden Sie in der 50-Jahre MPIMG Festschrift „Gene und Menschen“, unseren Forschungsberichten, und Jahrbucheinträgen. 

50 Jahre Forschung am Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik.
Hier finden Sie unsere Forschungsberichte. (nur auf Englisch verfügbar)
Hier finden Sie unsere Beiträge zum MPG-Jahrbuch. 

Die Max-Planck-Gesellschaft

Das MPIMG ist Teil der Max-Planck-Gesellschaft, einer der führenden Forschungsorganisationen Europas. Die von der Max-Planck-Gesellschaft bereitgestellten Ressourcen ermöglichen es uns, mehr Zeit für Forschung, Innovation und Anpassung aufzuwenden und ein Umfeld zu schaffen, in dem wir mehr Risiken eingehen können. Das umfangreiche Netzwerk von Forschungsinstituten bietet Gelegenheit zur Zusammenarbeit und zur beruflichen Weiterentwicklung.

Erfahren Sie mehr über die Max-Planck-Gesellschaft.

Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

Die Max-Planck-Gesellschaft ist die Nachfolgeorganisation der 1911 in Berlin gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Zu jener Zeit war die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ein Zentrum exzellenter Forschung in Europa, an dem einige der berühmtesten Wissenschaftler*innen ihrer Zeit tätig waren, darunter Otto Hahn, Max Planck, Werner Heisenberg und vor allem Albert Einstein, der von 1917 bis 1933 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik war. Zwischen 1915 und 1944 erhielten acht wissenschaftliche Mitglieder des KWI den Nobelpreis. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurden viele der jüdischen Mitglieder des KWI entlassen oder flohen aus Deutschland. 

Das 1927 in Berlin gegründete Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, Menschenvererbung und Eugenik (KWIA) war später an den Verbrechen des NS-Regimes beteiligt. Nach dem Krieg wurde eine seiner ehemaligen Abteilungen unter der Leitung von Hans Nachtsheim in die neu gegründete Max-Planck-Gesellschaft überführt. 1953 wurde es in MPI für Vergleichende Erbbiologie und Erbkrankheiten (MPIEE) umbenannt. Hans Nachtsheim, der von 1941 bis 1945 an Menschenversuchen beteiligt war, wurde der erste Direktor dieses MPI. Nach seinem Ausscheiden im Jahr 1960 übernahm Fritz Kaudewitz die Leitung des Instituts bis 1964. 

Als Heinz-Günther Wittmann und Heinz Schuster in den 1960er Jahren zu Direktoren ernannt wurden, traf man die bewusste Entscheidung, mit der Vergangenheit zu brechen und unter der Leitung von einer neuer Generation von Direktoren ein neues Institut zu gründen, das sich auf das aufstrebende Gebiet der Molekulargenetik konzentrierte. 1964 erhielt es einen neuen Namen: MPIMG. Nach mehrjähriger Arbeit im alten MPIEE-Gebäude zogen das neue Institut und seine Mitarbeitenden schließlich an den heutigen Standort in der Ihnestraße um. Dieser wurde 1971 offiziell eingeweiht. 

Als neue Leitung des Instituts bemühen wir uns, unsere Geschichte transparent zu vermitteln. Allerdings ist es anhand unserer Unterlagen schwierig, alle Kontinuitäten und Details zu rekonstruieren. Wir bekennen uns klar dazu, solche Ereignisse niemals wieder zuzulassen, und verpflichten uns, ein offenes Umfeld zu schaffen, in dem alle willkommen sind – unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit. 

Erfahren Sie mehr über unsere Werte.

 

 

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