„Wir haben uns in die Stadt verliebt“

Ludovic Vallier ist neuer Max-Planck-Fellow am MPIMG

2. September 2022

Der kürzlich nach Berlin gezogene Stammzellforscher Ludovic Vallier wird ab September 2022 ein Labor am Max-Planck-Institut für molekulare Genetik (MPIMG) aufbauen. Hier will er sich mit Grundlagenforschung zur Stammzellbiologie der Leber beschäftigen und dabei eng mit Forschenden des MPIMG zusammenarbeiten. Vallier ist seit Anfang des Jahres Einstein-Professor und Arbeitsgruppenleiter am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). 

Vallier ist Experte für pluripotente Stammzellen und Organoide und will die Ergebnisse seiner Forschung in die klinische Anwendung übertragen. Zum Beispiel wollen er und sein Team die Produktion von therapeutischen Leberzellen optimieren, um geschädigtes Lebergewebe ersetzen zu können. Sein Ziel ist es, Leberzellen in vitro zu erzeugen. Diese Zellen können dann nicht nur verwendet werden, um krankes Lebergewebe zu ersetzen, sondern auch, um die Leberfunktionen bei therapeutischen Anwendungen zu verbessern.

Alexander Meissner, Geschäftsführender Direktor des MPIMG, heißt Ludovic Vallier am Institut willkommen: „Ludovic ist ein herausragender Forscher auf dem Gebiet der menschlichen Stammzellen und Zelldifferenzierung und wird das Berliner Wissenschaftsnetzwerk perfekt ergänzen – sowohl in der regenerativen Medizin als auch in der Stammzellbiologie. Wir freuen uns sehr über seine Berufung zum Einstein-Professor am BIH und sind begeistert, dass wir ihn zusätzlich als Max Planck Fellow für unser Institut gewinnen konnten.“ 

Vallier wurde im Juli 2022 vom Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft zum Max Planck Fellow berufen. Das Max-Planck-Fellow-Programm soll die Zusammenarbeit zwischen herausragenden Universitätsprofessorinnen und -professoren und Forschenden der Max-Planck-Gesellschaft fördern. Die Ernennung ist zunächst auf einen Zeitraum von fünf Jahren begrenzt.

Im Gespräch mit Ludovic Vallier

F: Worum geht es bei Ihrer Forschung?

A: Ich möchte die menschliche Entwicklung und insbesondere jene Entwicklungsschritte verstehen, die die Funktion der Leber nach der Geburt sicherstellen. 

Wir verwenden humane induzierte pluripotente Stammzellen (hIPSCs) und primäre Organoide. Organoide sind dreidimensionale Strukturen, die in der Petrischale kultiviert werden können, und wir gewinnen sie direkt aus der menschlichen Leber. Sie wachsen als dreidimensionale Zellklümpchen heran, die sich wie Stellvertreter für das Organ verhalten. Stammzellen und Organoide sind Modellsysteme, die sich gegenseitig gut ergänzen.

Dann kombinieren wir diese Modelle, um herauszufinden, wie sich klinisch relevante Zelltypen in vitro herstellen lassen. Darauf aufbauend entwickeln wir Zellkulturmodelle für Lebererkrankungen und zellbasierte Therapien. Wir wollen also das Grundlagenwissen nutzen, das wir aus der Beobachtung der menschlichen Entwicklung gewinnen, um ein System zu entwickeln, das Lücken in der klinischen Versorgung adressiert.

Wie weit sind diese Entwicklungen fortgeschritten?

Bislang ist es uns gelungen, Cholangiozyten und Hepatozyten zu züchten, das sind die wichtigsten Zelltypen der Leber. Basierend darauf entwickeln wir eine zellbasierte Therapie. Wir arbeiten bereits mit verschiedenen Biotech-Unternehmen zusammen, um ein Produkt zu entwickeln, das eines Tages in der Klinik landen könnte. 

Außerdem möchten wir Mini-Organe erzeugen – wie eine Art künstliche Leber im Reagenzglas. Als nächstes wollen wir künstliche Zellen erzeugen, die nicht nur Funktionen ersetzen, sondern auch neue Funktionen mitbringen können. Diese könnten die Leistungsfähigkeit der Leber verbessern und Betroffene vor den Auswirkungen von Fettablagerungen, Alkoholmissbrauch und Ähnlichem schützen. 

Warum interessieren Sie sich so sehr für die Leber?

In der Vergangenheit haben wir auch an vielen anderen Organen gearbeitet: am Darm, an der Bauchspeicheldrüse, an der Lunge und eben an der Leber. Aber besonders in der Leber gibt es noch viel zu entdecken. 

Erkrankungen dieses Organs waren immer mit einem Stigma behaftet, weil man sie in der Regel mit Alkoholismus in Verbindung brachte. Früher war die Hauptursache für Lebererkrankungen stets ein Alkoholmissbrauch. Es gab daher wenig Interesse, Therapien oder auch nur die Organfunktion zu erforschen, weil die Krankheit als selbstverschuldet galt. 

Das mag tatsächlich viele Jahre so gewesen sein, aber momentan verändert sich das Forschungsfeld sehr schnell und jeden Monat gibt es neue Entdeckungen. Es gibt zudem eine neue Lebererkrankung: die nichtalkoholische Fettleber (nonalcoholic fatty liver disease, NAFLD), die mit Diabetes und Adipositas zusammenhängt. 

Wir erleben derzeit eine weltweite Pandemie dieser Erkrankung. Sie ist inzwischen die zweitwichtigste Indikation für Lebererkrankungen und könnte in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren alkoholbedingte Leberleiden überholen. Im Vereinigten Königreich und den USA haben schon 33 Prozent der Bevölkerung eine Fettleber – von diesen wird sicher nur ein kleiner Teil eine ausgeprägte Lebererkrankung entwickeln, aber die Zahl der Patientinnen und Patienten steigt momentan stark. 

Es fehlt also an Therapien und an Grundwissen über die Biologie der Leber, ihre Entwicklung und so weiter. Deshalb ist dieses Forschungsgebiet im Moment so spannend und es beschäftigen sich viele Arbeitsgruppen mit der Leber und ihren Krankheiten. Es ist wirklich interessant, auf diesem Gebiet zu forschen: Es gibt viele Freiheiten und eine Vielzahl von Fragen, die man formulieren kann. Und es gibt diesen eindeutigen Bedarf nach Lösungen für die Klinik. 

Warum haben Sie sich Berlin für Ihr neues Abenteuer ausgesucht?

Wir haben uns in die Stadt verliebt! Wir haben Berlin während des Interviewprozesses entdeckt und lieben die Stadt einfach. Abgesehen von den bekannten kulturellen und sozialen Aspekten boomt Berlin in Bezug auf wissenschaftliche Projekte und Forschungsprogramme und es gibt eine starke Vision für die translationale und biomedizinische Forschung. Im Moment ist hier viel los und ich freue mich sehr darauf, an dieser Entwicklung teilhaben zu können. 

In Cambridge haben wir viel Grundlagenforschung betrieben und in letzter Zeit das Stadium erreicht, dass wir eine Reihe von Anwendungen in die Klinik bringen können. Berlin und vor allem das Berlin Institute of Health (BIH) bieten viele Möglichkeiten, genau das zu tun. 

Am MPIMG, wo ich zum Max Planck Fellow berufen worden bin, werden wir unsere Grundlagenforschung fortsetzen. Das Fellow-Programm soll die Zusammenarbeit zwischen Max-Planck-Instituten und der universitären Forschung stärken und beinhaltet den Aufbau einer kleinen Gruppe an einem Max-Planck-Institut – in diesem Fall dem MPIMG. 

Zunächst plane ich mit etwa fünf Mitarbeitern in Dahlem, darunter einer festen Postdoc-Stelle. Es wird einen regen Austausch mit dem BIH geben: Die Leute werden hin- und herwechseln, vor allem für Kooperationen. So können wir uns gleichzeitig mit Fragen der translationalen Forschung und der Grundlagenforschung befassen.

Wie haben Sie in die Forschung gefunden und woher kommt Ihre Faszination für die Wissenschaft?

Ich habe mich schon immer für biologische Fragestellungen interessiert. Und ich wollte einen Beruf, der verschiedene Tätigkeiten umfasst und mich intellektuell herausfordert. Die Wissenschaft ist perfekt dafür. Wissenschaftler zu sein ist kein normaler Job, denn man muss schreiben, Experimente planen, gut kommunizieren und viele andere Dinge tun. Es ist ein wirklich spannender Beruf. Ich langweile mich eigentlich schnell, aber in der Wissenschaft wird es nie langweilig! 

Über Ludovic Vallier

Ludovic Vallier promovierte an der École normale supérieure in Lyon und untersuchte die Mechanismen, die den Zellzyklus in embryonalen Stammzellen der Maus steuern. Nach einem kurzen Abstecher in die Biotech-Industrie wechselte er an das Department für Chirurgie der Universität Cambridge, wo er Professor für Regenerative Medizin und Direktor der hIPSCs Core Facility des Cambridge Biomedical Research Centre ist. Im Juli 2022 folgte er einem Ruf auf eine W3 Einstein-Profil-Professur für Stammzellen bei Regenerativen Therapien am Berlin Institute of Health in der Charité (BIH). 

Zur Redakteursansicht