„Ich finde die Kreativität der Kunst sehr inspirierend und hoffe, dass ich davon etwas auf die Wissenschaft übertragen kann“
Interview mit der neuer Gruppenleiterin Raquel Fueyo
Raquel Fueyo ist seit Dezember 2025 Gruppenleiterin beim MPIMG. Davor war sie Postdoktorandin im Labor von Joanna Wysocka an der Stanford University. Ihr Labor will grundlegende Fragen zum Einfluss von Transposons auf die Entwicklung menschlicher Embryonen und auf Krankheiten klären. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie sie zu ihrem Forschungsfeld gekommen ist, wie die Arbeitskultur in ihrem Labor sein soll, und wie sie in der Kunst Inspiration für Ihre Arbeit findet.
Raquel, Dein Labor wird sich mit Transposons in der frühen Embryogenese befassen. Was hat Dich ursprünglich zur Transposon-Biologie gebracht?
Ich habe meinen Doktortitel in Enhancer-Biologie gemacht, insbesondere im Bereich der Aktivierung von Genen durch das nicht-kodierende Genom. Ich habe schnell gelernt, dass die meisten unserer Enhancer auf einem endogenen Retrovirus basieren. Diese Elemente spielen eine Schlüsselrolle bei der Evolution und Entstehung von Enhancern. Während meiner Postdoc-Studien wollte ich mich weiter mit dem nicht-kodierenden Genom beschäftigen und wechselte daher in das Labor von Joanna Wysocka, das ein Modell endogener Retroviren in der Pluripotenz verwendete. Ein faszinierendes Ergebnis aus ihrem Labor war die Entdeckung viraler Partikel in menschlichen Embryonen. Diese Entdeckung überzeugte mich, mich weiter mit diesem Gebiet zu beschäftigen und diese viralen Transposons in der frühen Embryogenese zu untersuchen.
Welche Modellsysteme oder experimentellen Ansätze ermöglichen es, diese Fragen zu stellen?
Ich glaube, ich bin genau zum richtigen Zeitpunkt in dieses Forschungsgebiet eingestiegen, um diese Fragen stellen zu können. Vor der Einführung von CRISPR war die Veränderung endogener Retroviren sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich. Mittlerweile können wir sie sozusagen ausschneiden und an anderen Stellen wieder einfügen, wodurch wir ihre Biologie untersuchen können. Wie bereits erwähnt, interessiere ich mich auch für die Funktionen von Transposons während der Entwicklung von Säugetier- und menschlichen Embryonen. Aus rechtlichen und ethischen Gründen führen wir selbstverständlich keine Experimente an menschlichen Embryonen durch. Mithilfe neuartiger Modellsysteme, die den frühen menschlichen Embryo nachahmen, können wir jedoch Transposons in der menschlichen Embryogenese untersuchen. Die Kombination dieser beiden Methoden ermöglicht einen Großteil der Forschung in meinem Labor.
Die erwähnten Methoden waren technische Durchbrüche der Vergangenheit. Was sind derzeitige technische oder konzeptionelle Engpässe?
Die meisten Studien zur Funktion von Transposons wurden im großen Maßstab durchgeführt, das heißt, es wurden viele Transposons gleichzeitig untersucht. Transposons sind von Natur aus repetitiv, da sie das Ergebnis von Kopier- und Einfügevorgängen sind. Das macht es sehr schwierig, mit CRISPR nur eines davon anzusteuern. In meinem Labor möchte ich die Funktion von Transposons auf Ebene einzelner Loci untersuchen. Zu diesem Zweck entwickeln wir Werkzeuge und neuartige CRISPR-Cas9-Methoden, um sie einzeln verändern zu können.
Du hast nun den Karriereschritt vom Postdoktoranden zur Gruppenleiterin geschafft, was auch bedeutet, dass Du ein Team aufbaust. Wie soll die Kultur in Deinem Labor an einem durchschnittlichen Montagnachmittag aussehen?
Mir ist eine rigorose und genaue Laborkultur sehr wichtig. Ich möchte ein positives Laborumfeld schaffen, in dem sich jeder so sein kann, wie er ist, solange alle sich gegenseitig respektieren. Ich möchte nicht viele Anweisungen geben, wie sich die Leute verhalten sollen. Ich möchte auch eine Vorgesetzte sein, deren Tür so weit wie möglich offensteht. Ich denke, dass viele Probleme in der Wissenschaft auf mangelnde Kommunikation zurückzuführen sind.
Was spricht Dich außerhalb des Labors an und siehst Du einen Zusammenhang zwischen diesem Interesse und Deiner wissenschaftlichen Denkweise?
Ich liebe Kunst und gehe gerne ins Kino und in Ausstellungen. Ich finde die Kreativität von Künstlern sehr inspirierend und hoffe, dass ich davon etwas auf die Wissenschaft übertragen kann. Ich liebe es auch, mich mit Freunden zu treffen und viel zu lachen. Ich finde, ich habe sehr lustige Freunde. Ihr Humor inspiriert mich, in den Gesprächen mitzuhalten.
Es gibt sicher Verbindungen zwischen Wissenschaft und Kunst, aber wie viel Kreativität steckt wirklich in der Wissenschaft? Ich habe das Gefühl, dass Wissenschaft manchmal strenger und eingeschränkter ist als Kunst.
Ich glaube, dass das Lösen von Problemen und das Verbinden von Ideen in der Wissenschaft viel mit Kreativität zu tun hat. Ein Beispiel: Ich wollte schon immer einmal ein kleines Gedankenexperiment während Labor-Retreats ausprobieren, und jetzt, wo ich mein eigenes Labor habe, werde ich das vielleicht tun. Man nimmt einen zufälligen, wissenschaftlichen Artikel und verbindet ihn durch zwei oder drei Experimente mit seinem Projekt. Ich glaube, dass großartige Ideen in der Wissenschaft manchmal aus diesem unkonventionellen Denken oder aus einem zufälligen Gespräch mit jemandem aus einem ganz anderen Bereich entstehen. Kreativität ist dafür entscheidend.
Was ist Deine Botschaft an die Welt?
In einer Zeit, in der es weltweit an kritischem Denken zu mangeln scheint, sollten wir alle danach streben, kritischer zu sein – sowohl in unseren Experimenten als auch gegenüber der Welt. Und lesen Sie bitte mehr. Jeder sollte mehr lesen.
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Anm: Die Forschungsgruppe wird durch die Max-Planck-Förderstiftung gefördert












